In Berlin haben wir den Hang dazu, uns als Nabel der Welt zu sehen - Eine kurze Abrechnung
In Berlin haben wir den Hang dazu, uns als Nabel der Welt zu sehen. Generell hab ich da gar nichts gegen – ich mach oft ja sogar mit. Aber speziell jetzt zur Fashionweek dürfen Menschen vor Kameras und Mikrofone und somit einer breiten Öffentlichkeit treten, die das Selbstwusstsein und die Arroganz mitbringen, dass einem (ja, sogar mir) schwindelig werden kann.
Wenn wir in unserer Berlin-Blase sind, ist das schön und gut – ganz nach dem Motto “what happens in Berlin, stays in Berlin”, aber doch bitte nicht, wenn alle Welt herschaut. Hier ist theoretisch jeder grade kreativ, arbeitet an mindestens einem Projekt, das bald das neue Facebook / Twitter / die neue Vogue / whatever sein wird, und hält sich für den Größten. Das mag auch stimmen – so lange man eben unter sich ist. Doch ernstgenommen werden wir Neu-Berliner meist doch noch nicht.
Und das liegt zum Teil dann leider daran, dass bei uns Qualität fehlt. Berlin hat ein wahnsinniges Potenzial, jedoch verglichen mit dem Rest der Welt – und allen voran den Metropolen New York, Paris, London, Tokio, name it – fehlt uns einfach doch noch allen ein wenig Reife, Contenance und Disziplin.
Bei der Fashionweek sind einige junge, talentierte Designer zu sehen, die es verdient haben, dass die Medien über sie berichten und sie somit auch außerhalb unserer Bundeshauptstadt und dem neuen europäischen Melting Pot bekannt werden. Aber dabei handelt es sich wirklich nur um die Spitze – kein Grund, dass die restlichen 90 % denken, dass es reicht, was sie leisten.
Wer dieser Tage durch Berlin und besonders meine Nachbarschaft, rund um die Torstraße, spaziert, hat den Eindruck, dass es mal nicht die Touristen sind, sondern die Anwohner, die gehörig nerven. Sei es durch Ignoranz, einen Kleidungsstil junger Damen und Herren, bei dem sich ihre Großeltern schämen würden, oder eben einer Blogger-Präsenz, die den Rest des Jahres schweigt und sich zumindest versucht für ein paar Tage wichtig zu nehmen und plötzlich niemanden erkennen will (außer er hat ‘n Presse-Ausweis um den Hals).
Spätestens wenn ich mitkriege, dass jemand jetzt auf die Idee (“Inspiration”) kommt, seine Wohnzimmerwände von Innen mit Gold zu besprühen, werde ich hier wegziehen.
15 notes July 10, 2011 · 15:11
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